Es gibt teilweise hitzige Diskussionen über den neuen Desktop von Canonical. Teilweise kochen manche Gemüter über. Manche stellen nach ein paar Tagen oder Wochen fest, dass Unity gar nicht so schlimm ist, wie sie anfangs dachten. Soll man also Unity nutzen oder lieber etwas anderes suchen?
Schauen wir uns zunächst einmal das offensichtliche an. Unity ist neu, Unity ist radikal (aber IMHO lange nicht so radikal wie Gnome 3) und, besonders wichtig, Unity ist noch nicht fertig. Viele der Kritiken werden im Laufe der Zeit vermutlich nach und nach verpuffen, wenn Unity sich weiterentwickelt und der Funktionsumfang zunimmt. Auch Gnome 3.0 ist nicht gerade ein Musterbeispiel für bedingungslose Konfigurierbarkeit und KDE4.0 war nicht nur kaum zu konfigurieren sondern auch extrem instabil. Ich weiß, KDE4.0 war eigentlich eine Entwicklerversion, wurde aber trotzdem auf die User losgelassen.
Mit Unity ändert sich das Bedienkonzept von Ubuntu. Aber nicht grundlegend. Es gibt eigentlich nur drei wesentliche Änderungen.
- Starter und Taskleiste werden zusammengelegt und auf die linke Seite gesetzt
- Für das suchen und starten von Programmen und Dokumenten gibt es neue Dialoge
- Das Anwendungsmenü wandert an den oberen Bildschirmrand
zu 1.) das neue Startmenü ist für viele im ersten Moment ungewohnt, aber man kann sich schnell daran gewöhnen. Wer ein Dock nutzt oder Windows 7 oder OS X kennt wird gar nicht mal so viele Probleme haben. Es hat ein paar Vorteile gegenüber der klassischen Taskleiste, aber auch ein paar Nachteile. Manche sagen, mit den bereits vorhandenen Docks könne man das gleiche erreichen. Ich hab es mal ausprobiert, aber es ist nicht das gleiche. Es wirkt nie wie aus einem Guss und man hat nicht die Möglichkeit, das Menü über die Bildschirmecke zu öffnen, was ich gegenüber dem kompletten Bildschirmrand inzwischen bevorzuge.
zu 2.) auch die neuen Dialoge zum Starten von Programmen und suchen von Dateien sind ungewohnt und haben auch Vor- und Nachteile. Darauf komme ich gleich nochmal zurück.
zu 3.) Das sogenannte Application Menu, oft Global Menu genannt, ergibt vor allem auf kleinen Bildschirmen wie Netbooks einen Sinn. Man gewinnt dadurch wertvollen Platz. Auf einem Desktop ist es Geschmackssache. Wer den sogenannten Sloppy Focus nutzt (Fenster bekommen automatisch den Fokus, sobald der Mauszeiger über dem Fenster ist) hat mit dem Application Menu jedoch ein ernstes Problem. Aus diesem Grund hab ich das Application Menu auf meinem Desktop inzwischen auch deaktiviert.
Punkt 1. und 2. sind Geschmackssache und/oder Gewöhnungssache. Unity gibt es so vor und man muss abwägen, ob man damit mehr Vorteile oder mehr Nachteile hat. Wobei Punkt 1. eigentlich nicht wirklich neu ist. OS X und Windows 7 verwenden etwas ähnliches und Docks wie Docky oder Cairo Dock sind auch vergleichbar. Punkt 3. ist auch nicht neu, allerdings wurde es nur selten verwendet. Davon abgesehen ist es irrelevant, da man es ändern kann. Das einzig neue, was übrig bleibt, ist Punkt 2.
Auf einem Netbook ist Unity bisher alternativlos, um unsere Kanzlerin mal zu zitieren. Kein anderer Desktop schafft den Spagat zwischen Bedienkomfort und Platzgewinn besser. Bei allen Alternativen büßt man Platz ein oder gewisse Bedien- und Anzeigeelemente sind nicht oder nur über Umwege zu erreichen. Selbst auf einem Laptop mit 1366×768 Pixeln würde ich Unity aus diesem Grund vorziehen.
Auf einem Desktop spielt der Platzvorteil eine untergeordnete Rolle. Hier punkten bei mir inzwischen die Tastenkombinationen Super+a und Super+f (Super = Windows Taste). Ich starte Programme, die nicht im Launcher sind, fast ausschließlich über die Tastatur. Die hierarchischen Menüs von Gnome mögen zwar im ersten Moment übersichtlicher sein, aber ich habe bei dieser Art Menü immer wieder ein Problem (auch in allen anderen “Aufklappmenüs”): Wenn ich in ein Untermenü muss passiert es mir immer wieder, dass ich einen benachbarten Menüpunkt erwische, bevor der Mauszeiger das Untermenü erreicht hat. Dadurch verschwindet das Untermenü und ich muss “korrigieren”. So schön das Anwendungsmenü von Gnome 2 ist, aber der Punkt hat mich immer wieder gestört. Das ist aber wie gesagt kein spezielles Problem des Gnome Menüs sondern gilt für alle, die so aufgebaut sind.
Ich finde, Unity ist ein gutes Konzept, aber es hat noch ein paar Ecken und Kanten, an denen man noch feilen könnte. Das wird im Laufe der Zeit aber garantiert passieren. Von daher sollte man sich Kritik in der Form “Unity kann dies nicht und das nicht” lieber sparen. Keine Desktopumgebung hatte in der ersten Version an allen Parametern Schräubchen, an denen man drehen konnte. Ich erinnere mich noch gut an die mageren Druckdialoge von Gnome 2 in Feisty Fawn. Wirklich wichtige Funktionen wie Duplex Druck gab es schlicht nicht. Von daher hab ich eigentlich kein Verständnis, wenn sich jemand über die fehlende Möglichkeit muckiert, irgend eine Farbe oder Icon Größe zu ändern. Gnome 2 war 2007 schon etwas älter als Unity und da fehlten viel schlimmere Sachen als ein paar Farbrädchen.
Mir ist klar, dass Unity nach wie vor auf Gnome 2 aufbaut, aber Gnome hat Gott sei Dank in vielen Bereichen nachgebessert. Es ist eine Sache, verhältnismäßig unwichtige Einstellungen wie für das Aussehen oder das Verhalten der Oberfläche weg zu lassen, aber es ist etwas völlig anderes, wichtige Funktionen wie den Duplex Druck nicht anzubieten. Ich war damals (zurecht) verärgert über Gnome, weil die einzige Alternative KDE gewesen wäre.
Unity oder nicht Unity? Ich sehe keinen Grund, der gegen Unity spricht, ausgenommen vielleicht Stabilitätsprobleme. Die sind bei mir inzwischen jedoch selten. Auf Intel Hardware geht die Fehlerquote inzwischen gegen null. Eventuell gibt es vereinzelt Probleme mit spezifischen Programme, die nicht zum Grundumfang von Ubuntu gehören und zum Beispiel mit dem Wegfall des Systray schlecht oder gar nicht zu benutzen sind.
Bleibt noch eine Frage: Unity als Standard in Natty? Ich sage ja. Unity ist in den meisten Fällen ausgereift genug für den normalen Einsatz. Außerdem hat Canonical nur so die Möglichkeit, Unity zu verbessern. Canonical brauch die Resonanz der User, sowohl in Fragen der Usability als auch bei der Stabilität auf spezieller Hardware. Canonical hat nicht die Ressourcen von Microsoft, großflächige Tests auf unterschiedlicher Hardware durchzuführen und kann nur Usability Tests mit kleinen Gruppen durchführen. Viele benutzen auch eher unbekanntere Programme, die von Canonical gar nicht alle getestet werden können, die aber unter Unity Probleme verursachen können. Ich erinnere nur an Alt+F2, dessen Fehlen erst durch einen Bug Report aufgefallen ist.
Wäre Unity nicht der Standard Desktop ging der größte Teil dieser “Testkapazität” verloren, da die wenigsten zufällig darüber stolpern würden. Und dafür, dass man ein kostenloses Betriebssystem bekommt, kann man diesen kleinen Beitrag denke ich durchaus leisten. Wer Probleme hat oder Unity parou nicht mag kann, zumindest in Natty, jederzeit zu Gnome wechseln. Viel schlimmer wäre es doch, wenn Unity erst mit dem Ozelot käme und es als Option nur noch Gnome 3 gäbe.
Wirklich unerfahrenen Neueinsteigern ist es denke ich egal. Die hätten auch mit Gnome 2, Gnome 3 oder KDE4 am Anfang ihre liebe Not, alles zu finden, was sie brauchen. Obwohl ich mich als nicht ganz unerfahren betrachte hatte ich mit dem KDE4 Menü am Anfang auch Startschwierigkeiten.